Vitrine des langues régionales de l’Italie du Nord: constructions progressives

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Progressivkonstruktionen sehen im Standarditalienischen eine zusammengesetzte Form aus dem Hilfsverb stare und dem Gerundium des lexikalischen Verbs vor, das das Ereignis beschreibt. Der Satz Giovanni si sta lavando i capelli, auf Deutsch Johannes wäscht sich gerade die Haare (Stimulus AlpiLinK S24) beschreibt ein Ereignis, das sich während der Äußerungszeit des Satzes vollzieht, und unterstreicht dabei, dass der Vorgang des Haarewaschens als nicht abgeschlossen betrachtet wird. In den norditalienischen Varietäten kommt die Form mit Gerundium wie im Italienischen nur selten vor, wie man auf der beigefügten Karte (basierend auf dem AlpiLinK-Korpus 1.1.7) erkennen kann , auf der die Konstruktion stare + Gerundium durch schwarze Symbole dargestellt wird.

Die im Norden Italiens, insbesondere in der Lombardei, in Venetien und im Trentino, am weitesten verbreitete Konstruktion ist diejenige mit Formen des Adverbs dietro ‘dahinter’, dargestellt durch rote Symbole. In den folgenden Beispielen aus dem zentralen Venetischen finden wir das Schema dahinter + Infinitiv, in dem das Adverb dietro als drio realisiert wird (vgl. Pescarini 2024, S. 71).

Venetisch (Urbana, Provinz Padua): Gioani (l) ze drio lavarse i cavéi

(Rabanus et al. 2026: S24_vec_U0461)

Venetisch (Bonavigo, Provinz Verona): Giovani l’è drio lavarse i caveji

(Rabanus et al. 2026: S24_vec_U0081)

Im lombardischen Dialektgebiet gibt es – abgesehen von wenigen Sprechern, die die Form mit Gerundium verwenden – ausschließlich die Konstruktion mit dem Adverb ‘dahinter’, realisiert als dri oder dré:

Lombardisch (Sant’Omobono Terme, Provinz Bergamo): O ‘l Gian l’è dri’ che se laa i caéi

(Rabanus et al. 2026: S24_lmo_U0028)

Lombardisch (Briga Novarese, Provinz Novara): El Giuan l’è dre c’ a s lava i cavéi

(Rabanus et al. 2026: S24_lmo_U0148)

Lombardisch (Nave, Provinz Brescia): Gioan l’è dré a laase i caéi

(Rabanus et al. 2026: S24_lmo_U0069)

Lombardisch (Busto Garolfo, Provinz Mailand): U ‘l Giuan l’è dré laase i cavéi

(Rabanus et al. 2026: S24_lmo_U0162)

Die Variation im Raum betrifft den Anschluss des lexikalischen Verbs: Die Form für ‘dahinter’ kann die Subjunktion che ‘dass’ und einen Satz mit finitem Verb regieren oder aber den Infinitiv des Verbs, manchmal mit und manchmal ohne vorangestelltes a ‘zu’.

In einigen historisch deutschen Minderheitensprachen finden sich, bedingt durch den Sprachkontakt mit den romanischen Varietäten, sehr ähnliche Konstruktionen mit den entsprechenden Adverbien deutschen Ursprungs für ‘dahinter’. So gibt es etwa im Zimbrischen die Konstruktion + Infinitiv, wobei (dem formal das standarddeutsche nach entspricht) ‘dahinter’ bedeutet. Das folgende Beispiel lässt sich wörtlich ins Deutsch übersetzen als “der Hans ist dahinter (her) zu waschen das Haar”, entsprechend Italienisch “il Gianni è dietro a lavare i capelli”.

Zimbrisch (Lusern, Trentino): Dar Håns iz zo bescha ‘z har

(Rabanus et al. 2026: S24_cim_U0004)

Auch in den Minderheitensprachen von Pladen und Tischelwang im Friaul verwendet ein großer Teil der Sprecher die Konstruktion “dahinter + Infinitiv, hier tatsächlich mit der Wortform dahinter:

Tischelwangerisch (Tischelwang, Gemeinde Paluzza, Provinz Udine): S Hanseli is dahintar es hoar zum boschn

(Rabanus et al. 2026: S24_tis_U1845)

Plodarisch (Pladen/Sappada, Provinz Udine): Der Giovanni is dahinter de hoar zu boschn si

(Rabanus et al. 2026: S24_plo_U1702)

Diese Konstruktion, die auf der Karte wie die Konstruktionen mit romanischen Varianten für dietro rot symbolisiert wird, lässt sich nicht auf einen deutschen Ursprung zurückführen. Sie fehlt sowohl im Standarddeutschen als auch in den Tiroler Dialekten. Im Tirolischen wird für Progressivkonstruktionen wie im Standarddeutschen die Form des einfachen Verbs bevorzugt (auf der Karte in Weiß dargestellt), oft verbunden mit dem Adverb grod (Standarddeutsch gerade), wie im folgenden Beispiel aus Bruneck:

Tirolesisch (Bruneck, Südtirol): Dr Hans wascht sich grod de har

(Rabanus et al. 2026: S24_tir_U0107)

Als Alternative zur Form des einfachen Verbs findet sich in einigen Orten die Konstruktion mit der Präposition beim gefolgt vom Infinitiv (hellgraue Symbole auf der Karte):

Tirolesisch (Sand in Taufers), Südtirol): Johannes isch grod beim har waschen

(Rabanus et al. 2026: S24_tir_U0193)

Diese Konstruktion ist sowohl im deutschen Gebrauchsstandard als auch in vielen deutschen Dialekten belegt, beispielsweise in denen Hessens (vgl. Kuhmichel 2017, S. 132).

Die Sprecher des Walserdeutschen von Issime verwenden eine Konstruktion, die derjenigen von “dahinter + Infinitiv ähnlich ist, bei der aber anstelle des Adverbs ‘dahinter’ die Form drum verwenden wird (Standarddeutsch darum), die ebenfalls als Lokaladverb konzeptualisiert wird, etwa mit der Bedeutung ringsum‘ (das rosafarbene Symbol auf der Karte):

Walserdeutsch (Issime, Aostatal): Jean is drum z waschä locke

(Rabanus et al. 2026: S24_wae_U0989)

Im Okzitanischen (und in einem frankoprovenzalischen Ort) findet sich als Wiedergabe des Progressivs eine weitere Konstruktion mit einem Adverb: Es handelt sich um après (auf der Karte dunkelorange dargestellt), das als Lokal- oder Temporaladverb interpretiert werden kann.

Okzitanisch (Sauze d’Oulx, Provinz Turin): Giovanni l’è (a)pres lavà lu cheveu

(Rabanus et al. 2026: S24_oci_U1451)

Wartburg (FEW, S. 178) zitiert Belege für den Gebrauch von après ad pressum, nahe in Progressivkonstruktionen noch im Mittelfranzösischen, während eine solche Konstruktion im heutigen Französischen nicht mehr möglich ist. Im Piemontesischen und im südlichen Okzitanischen lässt sich in den AlpiLinK-Daten außerdem eine bislang in der Literatur nicht beschriebene Konstruktion beobachten. Es handelt sich um das Schema “während dass + finites Verb (hellorange Symbole auf der Karte), bei der der Progressiv durch die Konjunktion mentre (che) ‘während (dass)’ ausgedrückt wird, die das Italienische zur Einleitung von Nebensätzen verwendet, [u]m die Gleichzeitigkeit (punktuell oder durativ) auszudrücken (Rohlfs 1969, S. 176; unsere Übersetzung).

Piemontesisch (Scarnafigi, Provinz Cuneo): Giovanni l’è mentre c‘a s lava i cavei

(Rabanus et al. 2026: S24_pms_U1083)

Kehren wir in die Germania zurück: Eine weitere, in den meisten Walser-Orten verbreitete Strategie ist die Konstruktion mit der sogenannten tun-Periphrase (braun auf der Karte), bestehend aus dem Hilfsverb tun und dem Infinitiv des lexikalischen Verbs (in der Dialektologie wird der progressive Wert der tun-Periphrase kontrovers diskutiert, vgl. Kuhmichel 2017, S. 122–124).

Walserdeutsch (Formazza, Provinz Verbano-Cusio-Ossola): Giovanni töt z har wäschä

(Rabanus et al. 2026: S24_wae_U0038)

Dietun-Periphrase wird auch im Plodarischen, Tischelwangerischen sowie vom einzigen Sprecher des Sauranischen im AlpiLinK-Korpus verwendet.

Plodarisch (Pladen/Sappada, Provinz Udine): Der Giovanni tut si di hoar waschn

(Rabanus et al. 2026: S24_plo_U1902)

Tischelwangerisch (Tischelwang, Gemeinde Paluzza, Provinz Udine): Is Hanseli tut si es hoar woschn

(Rabanus et al. 2026: S24_tis_U0762)

Sauranisch (Zahre/Sauris, Provinz Udine): Der Jaku tut si s hor boschn

(Rabanus et al. 2026: S24_zah_U1671)

Im Plodarischen und Tischelwangerischen gibt es Variation zwischen tun-Periphrase, Konstruktionen mit dem Adverb dahinter (siehe oben) und dem einfachen Verb, wie in den folgenden Beispielen (diese Variation ist auf der Karte symbolisiert durch die Farben Braun, Rot und Weiß in den Kreisdiagrammen)

Plodarisch (Pladen/Sappada, Provinz Udine): Der Giovanni bascht si de hoar

(Rabanus et al. 2026: S24_plo_U1676)

Tischelwangerisch (Tischelwang, Gemeinde Paluzza, Provinz Udine): Der Hans woscht si es hoar

(Rabanus et al. 2026: S24_tis_U1645)

Nun wieder in die Romania: Im Westen sehen wir die adverbialen Periphrasen en train, wörtlich “im Zug”, und en camin a/che “auf dem Weg zu/dass”, die auf der Karte durch Grüntöne symbolisiert werden. Die Konstruktion en train (hellgrün), die vermutlich auf französischen Einfluss zurückzuführen ist, findet sich in frankoprovenzalischen und okzitanischen Varietäten.

Frankoprovenzalisch (Roisan, Aostatal): Giovanni l’è(n) train de se lavi le pei

(Rabanus et al. 2026: S24_frp_U0416)

Frankoprovenzalisch (Challand-Saint-Victor, Aostatal): Gioanni i’ en train de lavesse le pei

(Rabanus et al. 2026: S24_frp_U0428)

Okzitanisch (Pontechianale, Provinz Cuneo): Giuan es en train de lavas li pèis

(Rabanus et al. 2026: S24_oci_U0150)

Der wichtigste Variationsaspekt in diesen Konstruktionen ist die Proklise oder Enklise – je nach Ort – des Reflexivpronomens si gegenüber dem Infinitiv in der Form lavarsi, realisiert als se lavi ‘sich wäscht’ oder laves-se ‘wäscht sich’.

Die andere Konstruktion, die Form en camin a/che (dunkelgrün auf der Karte), ist in weiten Gebieten des Piemontesischen (vgl. Telmon 1988, S. 480) und des Okzitanischen verbreitet, seltener auch im Frankoprovenzalischen:

Frankoprovenzalisch (Coazze, Provinz Turin): Giovanni u est en camin che u’s’lava la testa

(Rabanus et al. 2026: S24_frp_U0047)

Okzitanisch (Pomaretto, Provinz Turin): Giuvani l’è’n camìn a se lavà li pèl

(Rabanus et al. 2026: S24_oci_U0083)

Okzitanisch (Roaschia, Provinz Cuneo): Giuan l’ès en camìn che se lava i ciavèi

(Rabanus et al. 2026: S24_oci_U0454)

Piemontesisch (Borgo San Dalmazzo, Provinz Cuneo): Giuanni l’è in camin a laesse i cavèi

(Rabanus et al. 2026: S24_pms_U0030)

Piemontesisch (Feletto, Provinz Turin): Giuan l’n en camin c’a s lava i cavei

(Rabanus et al. 2026: S24_pms_U0462)

Ein Reflex dieser Konstruktion findet sich auch in den piemontesischen Walser-Orten Formazza und Rimella neben der bereits erwähnten tun-Periphrase: Dem Schema “auf dem Weg sein zu + Infinitiv entspricht dort die Konstruktion “zwäck z(e) + Infinitiv“.

Walserdeutsch (Formazza, Provinz Verbano-Cusio-Ossola): Der Hans Jos isch zwäck z har z wäschä

(Rabanus et al. 2026: S24_wae_U0037)

Walserdeutsch (Formazza, Provinz Verbano-Cusio-Ossola): Giovanni isch zwäck z har z wäschä

(Rabanus et al. 2026: S24_wae_U1003)

Walserdeutsch (Rimella, Provinz Vercelli): Der Giuan isch zwäck ze waschä z har

(Rabanus et al. 2026: S24_wae_U1857)

Isch zwäck z kann wörtlich ins Deutsche übersetzt werden als ist zu/auf dem Weg zu”.

In einem begrenzten Gebiet des südlichen Veroneser Tieflandes (Bassa Veronese) finden wir die Konstruktion invià + Infinitiv (hellblau auf der Karte). Das folgende Beispiel lässt sich wörtlich ins Italienische übersetzen als “Giovanni è avviato (a) lavarsi i capelli” (vgl. Bonfante 2018, S. 77), auf Deutsch ungefähr “Giovanni ist im Begriff (zu) waschen sich die Haare”.

Venetisch (Oppeano, Provinz Verona): Giovani l’è invià lavarse i cavéi

(Rabanus et al. 2026: S24_vec_U0088)

Die Sprecher friulanischer Varietäten verwenden überwiegend die Konstruktion mit dem Verb stâ stehen/sein gefolgt vom Gerundium des Verbs waschen, wie im Italienischen (schwarz in der Karte):

Friulanisch (Gemona del Friuli, Provinz Udine): Giuan si sta lavant i cjavei

(Rabanus et al. 2026: S24_fur_U0175)

Eine ähnliche (und auf der Karte ebenfalls schwarz symbolisierte) Konstruktion ist die trentinische Formstare a + Infinitiv, also mit dem Hilfsverb stare, das aber nicht das Gerundium, sondern einen durch a eingeleiteten Infinitiv regiert (vgl. Rohlfs 1969, S. 133).

Trentinisch (Contà, Trentino): Giovani el se sta a lavar i ciavei

(Rabanus et al. 2026: S24_tre_U1621)

Um nach Friaul zurückzukehren: Das Resianische verwendet keine der bisher erwähnten Strategien, sondern folgt der slawisch-slowenischen Strategie, indem es für die Progressivkonstruktion das Verb für das Waschen von Körperteilen in seiner imperfektiven Variante wmüvat bzw. in San Giorgio wmívat benutzt, der die perfektive Variante wmet gegenübersteht (vgl. Steenwijk 1992, S. 327).

Resianisch (San Giorgio, Gemeinde Resia, Provinz Udine): Ǧuan an si wmüa lase

(Rabanus et al. 2026: S24_res_U1182)

In diesem Satz ist außerdem die Verwendung des klitischen Pronomens an interessant, das als Entlehnung aus dem Romanischen betrachtet werden kann (klitische Partikel a, vgl. Pescarini 2024, S. 80).

Fazit: Die prototypische italienische Konstruktion stare + Gerundium stellt in den norditalienischen Regionalsprachen einen seltenen Fall dar. Häufiger sind Periphrasen des Typs Adverb + Infinitivsatz/che-Satz.

Autoren: Andrea Padovan und Stefan Rabanus
Veröffentlichungsdatum: 3. Juni 2026

Für Hilfestellung bei der Beschreibung einzelner Varietäten oder Konstruktionen danken wir Sabrina Bertollo, Paolo Frassi, Malinka Pila und Riccardo Regis.

Literatur

  • Bonfante, Filippo (2018): Il dialetto veronese. Grammatica e dizionario essenziale. Zweite Auflage. Sommacampagna: Cierre edizioni.
  • FEW = Französisches Etymologisches Wörterbuch. https://lecteur-few.atilf.fr/
  • Kuhmichel, Katrin (2017): Progressivkonstruktionen. In: Jürg Fleischer, Alexandra N. Lenz & Helmut Weiß (Hrsg.): SyHD-atlas. Konzipiert von Ludwig M. Breuer. Unter Mitarbeit von Katrin Kuhmichel, Stephanie Leser-Cronau, Johanna Schwalm und Thomas Strobel. Marburg/Wien/Frankfurt am Main. https://doi.org/10.17192/es2017.0003
  • Pescarini, Diego (2024): Dialetti d’Italia: Veneto. Rom: Carocci.
  • Rohlfs, Gerhard (1969): Grammatica storica della lingua italiana e dei suoi dialetti. Sintassi e formazione delle parole . Übersetzung von Temistocle Franceschi und Maria Caciagli Fancelli. Turin: Einaudi.
  • Steenwijk, Han (1992): The Slovene dialect of Resia: San Giorgio. Amsterdam/Atlanta, GA: Rodopi.
  • Telmon, Tullio (1988): Italienisch: Areallinguistik II. Piemont. In: Günter Holtus, Michael Metzeltin & Christian Schmitt (Hrsg.): Lexikon der Romanistischen Linguistik (LRL). Band IV. Italienisch, Korsisch, Sardisch. Tübingen: Niemeyer, 469–485.